Busunternehmen Volz aus Calw-Hirsau gibt auf wegen Hermann-Hesse-Bahn

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Vielfahrer
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Busunternehmen Volz aus Calw-Hirsau gibt auf wegen Hermann-Hesse-Bahn

Beitrag von Vielfahrer »

Busunternehmen Volz aus Calw-Hirsau stellt nach 98 Jahren zum 31.07.26 den Betrieb ein

Die Firma Volz-Reisen aus Calw-Hirsau, die aktuell noch die Buslinien 661 (Althengstett – Simmozheim – Neuhengstett – Ottenbronn), 662 (Bad Liebenzell – Monakam – Unterhaugstett – Möttlingen – Ottenbronn – Neuhengstett – Simmozheim – Calw Stammheim/Gymnasium und Seeäckerschule), 663 (Gechingen – Althengstett), 664 (Gechingen – Stammheim – Heumaden – Althengstett), 670 )Klinikum Nordschwarzwald – Hirsau – Calw – Althengstett – Weil der Stadt), 690 (Hirsau – Calw – Althengstett – Ostelsheim – Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen) sowie 880 (Bad Liebenzell – Weil der Stadt) betreibt, stellt zum 31.07.26 ihren Betrieb ein.

„Wohl dem, der gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann!“. Mit diesem Zitat von Friedrich Schiller beginnt das Calwer Traditionsunternehmen eine Bekanntmachung zur Betriebsaufgabe auf seiner Website.

Die seit dem 1. Februar 2026 reaktivierte Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt übernimmt sukzessive den Kern unseres Liniengeschäftes. Dies bedeutet für uns eine fundamentale Änderung der Geschäftsgrundlage – eine Situation, die nicht über Nacht eingetreten ist, sondern sich abzeichnet, seit die entsprechenden Beschlüsse vom Landkreis und dem Baden-Württembergischen Verkehrsministerium gefasst wurden, formuliert das von Gisela Volz geführte Busunternehmen.

Verschärft werde die Lage durch die geänderten Rahmenbedingungen für Linienverkehre im Landkreis Calw. So habe sich die öffentliche Hand zunehmend von einem im Kern unternehmensinitiierten Verkehr auf einen behördeninitiierten Verkehr zubewegt. „Der Landkreis plant die Linienverkehre, definiert die Leistungsparameter und vergibt die Genehmigungen in Vergabeverfahren, die zumindest derzeit keine langfristige Unternehmensplanung mehr ermöglichen“, heißt es weiter.

„Damit ist für uns nach 98 Jahren der Zeitpunkt gekommen, ‚preiszugeben mit Würde‘, was wir nicht retten können“.

Die Linienverkehre würden somit bis zum Ende des Schuljahres wie gewohnt laufen, auch für Ausflugsfahrten stehe das Unternehmen im Rahmen seiner Möglichkeiten gerne zur Verfügung, ab dem 1. August 2026 bleibt der Betrieb geschlossen.

„Der Landkreis Calw arbeitet derzeit an einem Neukonzept für unsere aktuellen Linienverkehre rund um die Hermann-Hesse-Bahn, das am 1. August 2026 in Kraft treten wird. Das Vergabeverfahren hierfür läuft bereits“, ist der letzte Satz der Meldung.

Gestern Abend war ich im Rathaus in Reutlingen, um im Rahmen einer Beiratssitzung der RegionalStadtBahn Neckar-Alb u.a. einen Vortrag von Frank von Meissner zur Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn zu hören. Erstaunlicherweise war zum heute in der Presse aufgeschlagenen Thema Volz-Reisen nichts zu hören. Interessant war, was Frank von Meissner zur Kostenentwicklung der Strecke Calw – Weil der Stadt ausführte. Stand Dezember 2025 betragen die Kosten der Reaktivierung ca. 240 Millionen Euro, wovon 195 Mio. Euro für Investitionen und rund 40 Mio. Euro für Planungen, Gutachten, Baunebenkosten, Finanzierung und Zweckverbands-Geschäftsstelle ausgegeben wurden. Ausführlich ging von Meissner auf die allseits bekannte Fledermaus-Thematik ein und führte weiter aus, dass auch für Steinkrebse, die sich entlang der über Jahrzehnte aufgegebenen Strecke ausgebreitet haben, erhebliche Mehrkosten in Kauf genommen werden mussten. Von den 195 Millionen Investitionen entfallen rund 80 Millionen Euro auf den Arten- und Umweltschutz und zu kämpfen hatte der Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn auch mit extremen Baukostensteigerungen. Diese haben zwischen 2010 und 2022 satte 94 % betragen.

Mit der Entwicklung der Nachfrage zeigte sich Frank von Meissner derzeit zufrieden. Trotz weiterhin bestehendem Busparallelverkehr sitzen in den Zügen im Durchschnitt 27 Fahrgäste, wobei der Fahrplan auf der Schiene erst sukzessive ausgeweitet wird. Aktuell wird im Stundentakt bis 24 Uhr gefahren, vorgesehen ist jedoch ein Halb-Stunden-Takt bis ca. 20 Uhr. Auch müssen hin und wieder Sperrzeiten eingehalten werden, um Restarbeiten durchführen zu können.
Erwartet wird, dass die in Gutachten prognostizierten 3000 Fahrgäste pro Tag über kurz oder lang wie bei vielen anderen Reaktivierungsstrecken übertroffen werden. Um wenigstens einen kleinen Teil dazu beizutragen, findet der 1. Mai-Ausflug diesmal mit einer Fahrt mit der Hermann-Hesse-Bahn nach Weil der Stadt statt. Von dort aus geht es über den Hacksberg nach Dätzingen und weiter über den Venusberg nach Aidlingen, wo die Heimreise dann mit dem Linienbus über Böblingen angetreten wird.

Viele Grüße vom Vielfahrer
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