Liechtenstein stimmt über S-Bahn FL-A-CH ab

Sonstiges, worüber man sich das "Maul" zerreisen kann.
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Vielfahrer
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Liechtenstein stimmt über S-Bahn FL-A-CH ab

Beitrag von Vielfahrer » Sa 1. Aug 2020, 16:56

Hallo,

ein Land, in welchem Bahnverbindungen bislang nicht die große Rolle gespielt haben, welches dafür aber ein gut ausgebautes Bussystem besitzt, bemüht sich um eine S-Bahn, wie aus einem Bericht von Günter Meier in der Neuen Zürcher Zeitung hervorgeht:

Liechtenstein profitiert häufig von seiner verkehrsgünstigen Lage zwischen der Schweiz und Österreich. Doch in Sachen Eisenbahn gibt es grossen Nachholbedarf. Das will die Regierung des Fürstentums nun ändern und beantragt einen Kredit von 71,3 Millionen Franken, über den das Volk am 30. August an der Urne entscheidet.

Der Ausbau der Bahnstrecke zwischen dem Bahnhof Feldkirch (Österreich) und Buchs (Schweiz), die über liechtensteinisches Staatsgebiet führt, würde die Standortattraktivität erhöhen, hält die Regierung fest. Die Wirtschaft bekäme neue Wachstumsmöglichkeiten, und die Ansiedlung von neuen Unternehmen würde begünstigt. Gleichzeitig soll die Modernisierung des seit Ende des 19. Jahrhunderts praktisch unveränderten Bahnabschnittes zu einer Entlastung des liechtensteinischen Strassennetzes führen.

Österreich und Liechtenstein haben sich darauf geeinigt, dass das Fürstentum davon einen Anteil von 71,3 Millionen zu übernehmen hat. Obwohl das Bahnprojekt in der Bevölkerung umstritten ist, hat das Parlament diesen Kredit bereits bewilligt, die letzte Entscheidung jedoch dem Volk übertragen. Als Ziel nennt die Regierung den Aufbau eines leistungsfähigen und attraktiven S-Bahn-Angebotes, verbunden mit der Einbindung in das regionale Eisenbahnsystem im St. Galler und Vorarlberger Rheintal. Weil die Bahnstrecke als Verbindungsstück zwischen Österreich und der Schweiz aber nur einen kleinen Teil Liechtensteins berührt, soll die S-Bahn nur der Groberschliessung dienen, während für die Feinerschliessung unverändert auf Busse gesetzt wird.

Im Visier haben die Verkehrsplaner in erster Linie die über 20 000 Einpendler, die jeden Tag aus der Schweiz und Österreich zu den Arbeitsplätzen in Liechtenstein strömen und an den Werktagen in den Morgen- und Vorabendstunden die Zufahrtsstrassen zu den Nachbarländern regelmässig an die Kapazitätsgrenzen bringen. Da sie nicht im Stau stehe, biete die S-Bahn für die Einpendler eine Alternative zur Fahrt mit dem eigenen Auto, heisst es im «Mobilitätskonzept 2030».
Mehr als ein Jahrzehnt ist es her, dass Liechtenstein im Rahmen einer Vereinbarung mit der Schweiz und Österreich eine Kooperation im regionalen Eisenbahnverkehr in die Wege leitete. Unterschiedliche Auffassungen über den Finanzierungsschlüssel zwischen Liechtenstein und Österreich verzögerten jedoch die Umsetzung der schon im Jahr 2008 geplanten, grenzüberschreitenden «S-Bahn FL.A.CH». Seit die beiden Regierungen im Frühjahr 2020 eine Absichtserklärung über die S-Bahn-Realisierung mitsamt Kostenaufteilung unterzeichnet hatten, forcierte Vaduz die Bereitstellung der erforderlichen Kredite.

Zwar erhoben sich im Parlament kritische Stimmen gegen den Finanzantrag, doch letztlich stimmten 18 von 25 Abgeordneten dem Kreditbegehren der Regierung zu. Aus den beiden Regierungsparteien FBP und VU, die offenbar dem Vorhaben keine Steine in den Weg legen wollen, kamen bei der namentlichen Abstimmung lediglich 2 Nein. Gar geschlossen bekannte sich die grüne Freie Liste zu dem Projekt, während die zwei Splitterparteien «Die Unabhängigen» und «Demokraten für Liechtenstein» für eine Ablehnung votierten – und derzeit die Opposition gegen das S-Bahn-Projekt anführen.

Zweifel an Attraktivität

Während die offiziellen Berichte das Potenzial der Zupendler zum Umstieg auf die Bahn, insbesondere aus Österreich, als sehr hoch einschätzen, zweifeln die Gegner an der Attraktivität dieses Verkehrsmittels. Seit einigen Jahren verkehren auf der geplanten S-Bahn-Strecke auf die Pendlerzeiten ausgerichtete Züge, die aber bis jetzt wenig Leute zum Umsteigen bewegen.

Täglich pendeln rund 22 000 Personen aus Österreich und der Schweiz nach Liechtenstein. Laut Passagierzählungen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) erreichten die Züge im vergangenen Jahr eine Auslastung im Durchschnitt von 60 Personen, teilweise wurden bis zu 1100 Personen pro Tag gezählt. Dies ergibt einen Anteil von 5 Prozent und lässt erahnen, dass noch erheblich Luft nach oben vorhanden ist. Optimistische Prognosen gehen bis 2025 von 3400 bis 4500 Fahrgästen aus, sofern die S-Bahn bis dahin einen durchgehenden Halbstundentakt anbietet.

Voraussetzung für einen Halbstundentakt ist allerdings der Ausbau der Bahnlinie auf einem Teilabschnitt auf eine Doppelspur. Zwischen Buchs und Feldkirch verkehren derzeit auch zweistündlich die ÖBB-Railjets, die Zürich mit Wien verbinden, sowie etliche Güterzüge. Der Bau der Doppelspur diene gar nicht dem Pendlerverkehr, kritisieren die Unabhängigen. Die S-Bahn werde von den ÖBB nur vorgeschoben, um mit dem Bau der Doppelspur mehr Gütertransporte zu ermöglichen.

Andere Gegner geben zu bedenken, die kurze Bahnlinie durchquere nur einen Teil Liechtensteins, auf dessen Abschnitt sich weniger als die Hälfte der Arbeitsplätze für die Grenzgänger befinden. Auf der Gegnerseite sorgte deshalb eine in den Zeitungen publizierte Stellungnahme der Gemeindevorsteher, vom Ausbau der Bahnstrecke zur S-Bahn profitierten alle Gemeinden, für einiges Kopfschütteln. Die Gemeindevorsteher führen als Begründung an, die S-Bahn dürfe nicht als eine isolierte Massnahme zur Lösung des Verkehrsproblems betrachtet werden, sondern im Zusammenhang mit einem alle Verkehrsträger umfassenden Mobilitätskonzept.

Keine Bahn im Süden

Nachteilig für dieses Mobilitätskonzept wirkt sich die Tatsache aus, dass die Bahn nur den nördlichen Teil Liechtensteins durchquert, der grössere Teil des Landes keine Bahnlinie aufweist. Alle Bestrebungen Liechtensteins, eine Bahn parallel zum Rhein in Nord-Süd-Richtung mit Anschlüssen in Sargans und Feldkirch zu erhalten, scheiterten bisher. Schon beim Staatsvertrag von 1870 zur Realisierung einer Eisenbahnlinie zwischen Österreich und der Schweiz wurden die Interessen des Fürstentums nicht berücksichtigt. Ebenso zerschlugen sich nachfolgende Pläne zur Weiterführung der Rhätischen Bahn von Chur über liechtensteinisches Gebiet nach Vorarlberg. Der Vorschlag des Verkehrsclubs Liechtenstein, auf dem bisher bahnlosen Gebiet eine Tram-Bahn – nach dem Muster verschiedener Städte – zu errichten, dürfte wenig Erfolgschancen haben, egal wie die S-Bahn-Abstimmung ausgehen wird.

Viele Grüße vom Vielfahrer, der selbst einige Zeit lang zwischen Vaduz und Tübingen gependelt ist, natürlich nicht jeden Tag.

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