Zunächst kein 15-Minuten-Takt im Ammertal

Strecken in Baden-Württemberg, die unten nich aufgeführt sind.
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Vielfahrer
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Zunächst kein 15-Minuten-Takt im Ammertal

Beitrag von Vielfahrer »

Hallo,

in dieser Woche tagte die Zweckverbandsversammlung des ÖPNV im Ammertal in Tübingen und befasste sich (mal wieder) mit der Situation der Ammertalbahn. Der komplett schief gegangene Start im Dezember 2022 hatte ja dazu geführt, dass trotz der Doppelspuren zwischen Entringen bis kurz vor Altingen und zwischen Unterjesingen (kurz nach der Station Mitte) und der Domäne Ammerhof seit Anfang Januar nur noch ein 30-Minuten-Takt, ergänzt an Schultagen durch zwei Schulfahrten Tübingen - Entringen in Zwischenlage, gefahren wird.

Für solch ein Betriebskonzept hätte es den doppelspurigen Ausbau auf mehreren Kilometern Länge nicht gebraucht, zumal dafür neben den ausgegebenen 60 Mio. € die Strecke monatelang außer Betrieb war. Und weil die neuen elektrischen Züge wegen weniger Türen im Vergleich zu den früher eingesetzten RegioShuttle auch etwas länger brauchen, musste der zunächst beabsichtigte Halt in Herrenberg Zwerchweg an dem seit bald 20 Jahren fertigen Bahnsteig dennoch entfallen.

In Richtung Herrenberg hat sich durch die Fahrplanausdünnung die Lage etwas entspannt. Wurden in den Wintermonaten nur rund 70% der Anschlüsse in Herrenberg an die S-Bahn und die Gäubahn erreicht, so ist dieser Wert zwischenzeitlich auf 90 % gestiegen. Es gibt aber Zeiten, wo es insbesondere für tägliche Pendler nicht zuverlässig klappt, vor allem in der Gegenrichtung von der verspäteten S-Bahn aus Stuttgart in Herrenberg in Richtung Ammertal. Die vorgesehenen 4 Minuten Umsteigezeit von Gleis 3 durch die Unterführung zum Gleis 102 reichen bei pünktlichem Bahnbetrieb zwar aus, aber insbesondere zu den Hauptverkehrszeiten kommt die S-Bahn in Herrenberg verspätet an. Bis maximal zu 5 Minuten Verspätung eintreffende S-Bahnen können noch abgewartet werden, aber bei höheren Verspätungen würden auch die Doppelspuren nichts nutzen und der Betrieb im Ammertal aus den Fugen geraten.

Der Tübinger Grünen-Kreisrat Gerd Hickmann, auch ein Mitglied des Zweckverbands Ammertalbahn und zugleich Abteilungsleiter im Stuttgarter Verkehrsministerium, äußerte sich im Februar recht niederschmetternd: „Der 15-Minuten-Takt ist derzeit nicht fahrbar, und der Halbstunden-Takt ist heute schlechter als vor dem Ausbau der Ammertalbahn“. Laut Bericht des Schwäbischen Tagblatts ergänzte Hickmann jetzt: „Wir müssen am Ende zum 15-
Minuten-Takt kommen - deshalb haben wir die Ammertalbahn schließlich ausgebaut.“

Bei der Ammertalbahn geht es ja nicht um gerade wenige Fahrgäste. Schon mit den RegioShuttles im 30- Minuten-Takt wurden trotz vieler Unzulänglichkeiten ca. 8.000 Fahrgäste pro Tag befördert und Potential für weiteres Wachstum ist zweifelsfrei vorhanden.

Vorgesehen ist in diesem Jahr ein Betriebsversuch vom 10. bis zum 28. Juli mit einem stündlichen Zwischentakt zum bestehenden 30- Minuten-Takt im Abschnitt Tübingen - Entringen zwischen 6 und 21 Uhr. Wenn das klappt, soll nach den Sommerferien oder spätestens zum Fahrplanwechsel ab Dezember 2023 der neue Takt Regelangebot werden.

Die Pünktlichkeitsentwicklung in den zurückliegenden Monaten kommentierte der Tübinger Landrat Joachim Walter, der zugleich Vorsitzender des Zweckverbands ÖPNV im Ammertal ist, positiv: „Wir sind noch nicht perfekt, aber es gibt einen gewissen Aufwärtstrend“. An den elektrischen Triebwagen wurden Außenspiegel installiert, damit die Lokführer die Zu- und Ausstiege besser im Blick haben, Herrenberg-Zwerchweg wurde gestrichen und überdies spielt sich bei den Beteiligten laut ihrer Geschäftsführerin Sarah Wüstenhöfer mehr und mehr Routine ein.

Zu tun ist offenbar aber immer noch viel. So ist beim Betrieb des Stellwerks eine Doppelbesetzung der Fahrdienstleiter notwendig, wobei derzeit das Personal dafür noch fehlt. Ebenso müssen die Softwarestörungen der Stellwerkstechnik rascher beseitigt werden und auf einigen Streckenabschnitten die Zuggeschwindigkeit erhöht werden. Der stark frequentierte Bahnübergang Europastraße beim Tübinger Hauptbahnhof soll technisch nachgerüstet werden, um auch bei Staus auf der Straße einen sicheren Schienenbetrieb zu gewährleisten. Weichenheizungen sollen erneuert werden und ein auf Stellwerksdaten basierendes System zur Gewinnung von Echtzeitdaten installiert werden. Schließlich soll auch der Reisendenzugang am Bahnhof Unterjesingen-Sandäcker zum Gleis 2 verbessert werden. Die Fußgängerschranke zur Überquerung der Gleise zum Bahnsteig 2 geht viel zu früh runter, wenn der Zug in Richtung Tübingen noch nicht mal in den zuvor liegenden Bahnhof Unterjesingen Mitte eingefahren ist. Und welcher Fahrgast geht schon vier oder fünf Minuten früher auf den Bahnsteig nur weil die Zugangsschranke sich schließen wird. Offenbar bückten sich nicht wenige unter den schon geschlossenen Schranken und querten die Gleise. Der Zweckverband prüft nun mehrere Möglichkeiten, wie die Situation entschärft werden könnte. Kurzfristig wurden bis auf 2 Züge alle Abfahrten an das Gleis 1 gelegt, was aber bei der angestrebten Verdichtung des Zugverkehrs kein Zustand bleiben kann. Relativ teuer und aufwändig wäre es, den Bahnsteig zu verlängern oder die Signale zu versetzen.

Viele Grüße vom Vielfahrer
Karl Müller
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Re: Zunächst kein 15-Minuten-Takt im Ammertal

Beitrag von Karl Müller »

Hallo,
Danke für den Artikel. Die Ammertlabhn ist nur eines von vielen Beispielen, der Eisenbahnverkehr in der BRD läuft nur holprig zur Zeit. Das Hauptproblem wird in den nächsten Jahren die Personalmisere auf ALLEN Ebenenen sein, nicht nur beim Fahrpersonal. Wenn selbst die hochgelobte ENAG kein Stellwerkpersonal rekrutieren kann, wenn du keine Ingenieure mehr hast welche diese Dinge planen, dann geht halt nichts mehr.
Oder, es dauert statt 1 Jahr 5 Jahre. Spannend belibt die Frage welche Eisenbahn die SBS zum Dez 23 übernimmt, - ich tippe auf DB Regio.
Die Erweiterung des BW Tübingen - dauf den Wiesen Ri Derendingen - wird wieder ernsthaft geprüft.
Gruß Oli
Vielfahrer
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Re: Zunächst kein 15-Minuten-Takt im Ammertal

Beitrag von Vielfahrer »

Hallo Oli,

so schlecht wäre eine Erweiterung des BW Tübingen auf den Derendinger Wiesen nicht. In den letzten Jahren nämlich hat sich die Zahl der Zugabfahrten ab Tübingen Hbf auf werktäglich inzwischen 211 erhöht bzw. verdoppelt, wobei gefühlt bestimmt mehr als die Hälfte der Züge in Tübingen eingesetzt werden oder hier enden. Und wenn dann noch die Regionalstadtbahn mit dem 15-Minuten-Takt nach Entringen, den deutlichen Angebotsverdichtungen in Richtung Rottenburg und den Erweiterungen des Zugangebots auf der Zollernbahn und in Richtung Reutlingen kommt, dürften es nochmals deutlich mehr Zugfahrten werden. Die Bahnsteiggleise im Tübinger Hbf sollen wohl auch erweitert werden (wie auch in Reutlingen Hbf), S 21 bringt dann 4 Zugfahrten pro Stunde nach Stuttgart, dazu ggf. noch einige IC-Verbindungen. Die zahlreichen Kurzwenden z.B. aus Richtung Horb in Richtung Horb übertragen Verspätungen auf Folgezüge, so dass eine Entspannung der Fahrpläne auf den teils wenig leistungsfähigen eingleisigen Strecken sinnvoll wäre. Unmittelbar vor dem Hauptbahnhof wird demnächst der neue Busbahnhof eingeweiht, der über 20 Abfahrtshaltestellen aufweist, die stufenlos und ohne Querung von vom Individualverkehr genutzen Fahrbahnen zu erreichen sind. Und unter diesem Busbahnhof befindet sich eine Tiefgarage sowie Fahrradabstellplätze und in wenigen Minuten ist man eh zu Fuß auch in der Innenstadt. Das beste aber ist, dass die Züge auch sehr gut genutzt werden.

Viele Grüße vom Vielfahrer
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