Entgleisung in Eglisau

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Entgleisung in Eglisau

Beitrag von Fridinger » Sa 7. Jul 2018, 08:34

Im Bereich Eglisau an der Strecke Zürich-Schaffhausen ist vor zwei Tagen ein Zug entgleist, die Strecke wird momentan nur von der S-Bahn befahren. Infolge dessen fahren die IC Züge (Schweizer Linie 4, Deutsche Linie 87) Stuttgart-Zürich im Moment nur bis Schaffhausen, der Regioexpress entfällt Bülach-Schaffhausen. Zuerst war geplant, die Strecke gestern Abend komplett in Betrieb zu nehmen, was aber wohl mindestens auf heute 17 Uhr verschoben werden musste.

Laut Zeitungsbericht handelte es sich um einen Güterzug. Bin mal auf die Ursache gespannt - die Schweizer fahren für meine Verhältnisse etwas ruppiger (und kennen auch sowas wie Durchrutschweg kaum).
Diese Signatur verspätet sich aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf um wenige Minuten.

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Re: Entgleisung in Eglisau

Beitrag von Vielfahrer » Fr 27. Jul 2018, 10:06

Hallo,

in der Schweizer Eisenbahn-Revue 8-9/2018 wird auf Seite 417 die rätselhafte Güterwagen-Entgleisung in Eglisau, die zu erheblichen Schäden an den Schwellen, Schienenbefestigungsmitteln und weiteren Teilen der Infrastruktur geführt hat, beschrieben:

Am 5. Juli 2018, zirka 20.20 Uhr, entgleiste beim aus Zizers (zwischen Landquart und Chur) kommenden und Richtung Schaffhausen - Singen fahrenden SBB-Cargo-Zug 47044 südlich des Bahnhofs Eglisau das führende Drehgestell des an fünfter Stelle gereihten Uacs 3780 9325 549. Der Zug bestand aus 13 leeren Kesselwagen für Zementtransporte des Vermieters Nacco. Von der Entgleisungsstelle bis zum Stillstand legte der Zug noch zirka anderthalb Kilometer zurück; es entstanden große Schäden an den Schwellen und Schienenbefestigungen. Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsgesellschaft (SUST) ermittelt den Hergang und die Ursache des Unfalls.

Da nur ein einziges Drehgestell entgleiste und da es im Entgleisungsbereich weder Weichen noch andere Besonderheiten gibt, liegt ein fahrzeugseitiger Defekt nahe. Bilder des abgestellten Unfallwagens zeigen, dass im Bereich der Radsatzfederung Teile fehlen. Diese wurden bei den Ermittlungen gefunden, allerdings nach der Entgleisungsstelle, wie die Redaktion erfahren hat.

Während der Fahrt des Güterzugs hatte in Dietikon, westlich von Zürich, der dort installierte Radlast-Checkpoint, eine ungleichmäßige Lastenverteilung gemeldet; das Radlastverhältnis lag mit 3,6 mehr als doppelt so hoch wie die Eingriffsschwelle. Allerdings ist für einen Alarm zusätzlich ein Radsatzgewicht von mindestens zehn Tonnen gefordert, womit die Kontrolleinrichtung bei leeren Wagen de facto unwirksam ist. Das Leergewischt des entgleisten Uacs beträgt laut Anschrift gut 19 t, was eine Radsatzlast von knapp 5 t ergibt.

Der Bahnhof Eglisau war zunächst für den Zugverkehr komplett gesperrt; ab 21.30 Uhr konnten die Züge des Personenverkehrs von Norden her wieder einfahren. Südlich der Unfallstelle wendeten die Züge in Bülach. Zwei Güterzüge wurden in Rafz beziehungsweise Singen abgestellt; mindestens fünf weitere konnten über Andelfingen und Winterthur umgeleitet werden. Das entgleiste Drehgestell wurde im Laufe der Lacht ohne Kraneinsatz mit Hilfe hydraulischer Pressen wieder auf die Schienen gesetzt.

Wegen der erheblichen Schäden an der Infrastruktur mussten die SBB den Betrieb zwischen Bülach und Eglisau noch zwei Tage lang eingleisig abwickeln, was grosse Fahrplaneinschränkungen erforderte. Erst am frühen Abend des 7. Juli konnte das von der Entgleisung betroffene Gleis nach der provisorischen Behebung der Schäden mit reduzierter Geschwindigkeit freigegeben werden.

Der Unfallwagen ist in Paris beheimatet und für die Instandhaltung zeichnet ein französisches Unternehmen verantwortlich. Für eine genaue Zustandsuntersuchung wurden der Uacs 549 sowie ein zweiter Wagen, dessen Radlastverhältnis in geringerem Mass ebenfalls aufgefallen war, von Eglisau in den Rangierbahnhof Limmattal überführt. Dort soll unter anderem geprüft werden, ob sich im Kessel allenfalls Ladegutreste befanden und ob sich Haupt- und Drehgestellrahmen in ordnungsgemäßem Zustand befinden.

Der Wagenvermieter Nacco gehört bislang zur französischen CIT Rail Holding; vor einem Jahr wurde der Verkauf an den deutschen Anbieter VTG kommuniziert. Nach der behördlichen Freigabe soll dieser Verkauf im zweiten Halbjahr 2018 vollzogen werden.


Viele Grüße vom Vielfahrer

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